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Krimischauplätze

Frankfurt(Oder) – das vergessene Kino

Ronny Rindler | 11. Juli 2018
Lichtspieltheater der Jugend in Frankfurt (Oder)

In meinem Kurzkrimi „Lichtspieltheater des Todes“ geschehen unheimliche Dinge in einem verlassenen Kino: dem Lichtspieltheater der Jugend in Frankfurt(Oder) – ein Ort mit langer Geschichte, der im Sumpf der Ostbürokratie zu versinken droht.

Das Leben ist voller Wunder. 1989 schmuggelte meine Mutter mich mit 10 Jahren in den großen Kinosaal des Lichtspieltheaters der Jugend zum Film Dirty Dancing. Die Mauer stand noch, die DDR erlebte ihr letztes großes Aufbäumen vor dem Fall. Ich wollte nichts sehnlicher als auch so irre cool tanzen wie Baby und Johnny. Damals hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, wie mein Leben knappe 20 Jahre später aussehen würde.

Lichtspieltheater der Jugend während seiner Betriebszeit. Foto: Facebookseite Lichtspieltheater der Jugend

2006 gab es die DDR nicht mehr. Ich lebte in Hamburg, an einem 1989 für mich noch völlig unerreichbaren Ort, probte für die Europapremiere der Liveshow Dirty Dancing und lernte die Erfinderin von Dirty Dancing, Drehbuchautorin Eleanor Bergstein, persönlich kennen. Du hast einen Traum? Denke niemals, er ist unerreichbar.

Auf dieser, unserer Welt, ist nichts unerreichbar. Das einzige, was begrenzt ist, ist unsere Vorstellungskraft.

Das Lichtspieltheater der Jugend: ein Ort, unendlich viele Träume.

Aber meine Geschichte ist nur eine in einem Universum unendlich vieler anderer. Wer die Besonderheit dieses Ortes begreifen will, muss seine Geschichte verstehen.

Das Lichspieltheater der Jugend entstand 1955 aus einer einst 1919 als UFA-Filmtheater erbauten Nachkriegsruine. Am Vorabend des 1. Mai (einem der bedeutendsten Feiertage der damaligen DDR) öffnete sich mit dem DEFA-Film Sommerliebe das erste Mal der Vorhang des ersten modernen Kinos der Frankfurter Nachkriegszeit.

Großer Kinosaal und Kinoplakat des ersten im Lichtspieltheater der Jugend gezeigten Kinofilms – Fotos: Facebookseite Lichtspieltheater der Jugend

Der historische Rahmen, in dem dieses Kino entstanden ist, spiegelt sich in den aufwendigen Sgrafittoarbeiten an der Fassade ebenso wie in den freistehenden Plastiken Trümmerfrau und Stahlwerker (siehe Foto weiter unten).

Das Licht am Ende des Tunnels

In einer Zeit, die mit Hoffnungen und Idiologien einer besseren Welt begann und im eingemauerten DDR-Leben endete; in der viele Menschen nicht einmal Westfernsehen empfangen konnten, war das Kinolicht im Lichtspieltheater der Jugend das Licht am Ende des Tunnels.

Hier flog ich mit Fuchur durch Die unendliche Geschichte, kämpfte mit Asterix und Obelix gegen die Römer und winkte an der Seite von Elliot tränenüberströmt dem davonfliegenden Außerirdischen E.T. hinterher.

1998 erlosch das Licht der Träume scheinbar für immer. Ein neues, größeres Kino war in der Nähe des Frankfurter Rathauses entstanden. Das Lichtspieltheater der Jugend wurde nicht mehr gebraucht. Seither herrscht eine Pattsituation. Der aktuelle Eigentümer weigert sich, das Gebäude denkmalgerecht zu nutzen. Das Kino zerfällt.

Neue Mauern, Zerfall und Hoffnungslosigkeit

So verkörpert das Lichtspieltheater der Jugend 2018 erneut den Geist der Zeit: den Zerfall von Träumen und Hoffnungen der deutschen Wiedervereinigung und den Sieg der Immobilienhaie über die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Bürger. Wieder wurden Mauern gebaut. Diesmal an den Eingängen der Kinoruine.

Lichtspieltheater der Jugend und die Plastiken Trümmerfrau (links) und Stahlwerker (rechts) heute. Fotos: Facebookseite Lichtspieltheater der Jugend

Ein Zustand, den man in Frankfurt(Oder) nicht hinnehmen will. Ein erstes Aufbegehren fand 2014 statt, als sich unzählige Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu einem Flashmob versammelten. Eine Facebookgruppe wurde gegründet. Ob es am Ende reichen wird, aus der endlichen Geschichte eines vergessenen Denkmals eine unendliche Geschichte zu machen, bleibt abzuwarten.

Die Schauplätze des Kurzkrimis

Dank dem Einverständnis der Webseite Verlorene Orte kann ich euch an dieser Stelle einen exklusiven Einblick in den aktuellen Zustand des Kinos geben. Die Fotos wurden vor 10 Jahren aufgenommen, sind also ziemlich zeitnah zum Veröffentlichungstermin meines Kurzkrimis Lichtspieltheater des Todes entstanden.

Achtung Spoiler! Wenn du meinen Kurzkrimi noch nicht kennst und dir die Spannung nicht vermiesen willst, solltest du dir zunächst die Mörderische Nachbarschaft besorgen und dann weiterlesen. 😉

Das folgende Foto zeigt den alten Ticketschalter des Kinos. Hier stößt Polizist Olaf Lehmann auf die mysteriöse alte Dame. Ebenfalls zu sehen sind einige alte Filmposter sowie die Treppe, welche Olaf Lehmann auf der Jagd nach dem Täter im weiteren Verlauf des Krimis hinaufhechten wird.

Treppe, Ticketschalter und Filmposter. Urheberrecht Fotos: www.verloreneorte.de

Nach seinem Treppensprint landet Olaf Lehmann im Wartesaal. Die folgenden Aufnahmen zeigen den ehemaligen Aufenthaltsbereich vor dem großen und dem kleinen Kino von beiden Seiten aus fotografiert (an der Lücke im Parkettboden erkennbar).

Hier standen zu Zeiten des Kinobetriebes unzählige bequeme Sessel, in die man sich hineinlümmeln konnte, um sein Popcorn zu verschlingen. Ein letzter solcher Sessel wird auch im Kurzkrimi beschrieben.

Ehemaliger Wartebereich in der ersten Etage des Kinos. Urheberrecht Fotos: www.verloreneorte.de

Das Kino selbst entdecken

Die Ruine des Lichtspieltheaters der Jugend steht in der Heilbronner Straße 18, 15230 Frankfurt(Oder), Deutschland. Aktuelle Informationen zum Zustand des Gebäudes und dem Kampf um seine Wiederbelebung trägt die Facebookseite Lichtspieltheater der Jugend zusammen.

Lichtspieltheater der Jugend Frankfurt(Oder) Lageplan

Lichtspieltheater de Jugend, Heilbronner Straße 18, 15230 Frankfurt(Oder), Deutschland (C) mapz – Map Data: OpenStreetMap ODbL

Der Kurzkrimi zum Schauplatz

Mein Kurzkrimi Lichtspieltheater des Todes erschien im Jahr 2012 und war einer meiner ersten Krimis für die Heimat-Krimi-Reihe der Fernsehzeitschrift Auf einen Blick. Er spiegelt mein Bedürfnis, auf diesen vergessenen Ort der Träume wieder aufmerksam zu machen. Du findest ihn in meiner Kurzkrimi-Sammlung Mörderische Nachbarschaft, erhältlich als Taschenbuch oder E-Book.

 

Geschrieben von Ronny Rindler





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    01. toi, toi, TOT! (Hamburg-Krimi)
    Ronny Rindler

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