menu Startseite
Schreibhandwerk

Balladen schreiben

Ronny Rindler | 12. Dezember 2021
Lesezeit: 5 Minuten

Schiller, Goethe, Brecht, Fontane – sie alle liebten sie. Doch was ist das eigentlich, eine Ballade? Wie sollte man Balladen schreiben? Und was macht diese literarische Gattung so spannend?

Fangen wir mit der letzten Frage an. Ein Grund, warum nahezu alle großen Meister dieser literarischen Erzählform verfallen sind, ist wohl ihre starke Emotionalität. Die Ballade verbindet die Sinnlichkeit eines Gedichtes mit der Dramatik eines Bühnenwerkes und der Spannung einer epischen Erzählung auf kleinstem Raum. Dadurch entsteht im Idealfall eine Geschichte höchster Intensität.

Erinnerungen an grausige Deutschstunden haben sicher einen hohen Anteil daran, dass es vielen von uns schwerfällt, einen Zugang zu dieser literarischen Form zu finden. Wir haben uns an diesen Texten tot interpretiert, ohne erklärt zu bekommen, welcher Sinn sich hinter dieser Arbeit verbirgt. Nämlich der, ein komplexes Handwerk zu erfassen und zu verstehen.

Hinzu kommt, dass diese Meisterwerke obendrein oft schlecht vorgetragen werden. Eine Ballade aber lebt gerade von ihrer Rhythmik und dem gekonnten Einsatz von Dialogen, was übrigens einen Hauptunterschied zum Gedicht darstellt. Hören wir uns also am besten einmal eine gut vorgetragene Ballade an. Das Internetportal www.lyrik-audio.de bietet eine reichhaltige Auswahl. Ich habe mich für den Erlkönig von Johann Wolfgang von Goethe entschieden:

Der dramatische Aufbau einer Ballade

Wenn wir dieser gelungenen Aufnahme des Erlkönigs lauschen, wird schnell deutlich: Beschreibt ein Gedicht oft nur ein Gefühl, einen Zustand oder einprägsamen Moment, wird in einer Ballade eine abgeschlossene Handlung erzählt.

Wie ein epischer Prosatext besteht auch eine Ballade aus einem Anfang, einem Mittelteil und einem Schluss. Sie schildert einen Konflikt und erzählt von dem daraus resultierenden Kampf eines Helden mit seinem Gegenspieler bis hin zur Auflösung.

Der Erlkönig beispielsweise beginnt mit der Vorstellung des Schauplatzes und der Charaktere:

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;

Kurz darauf lernen wir den Konflikt kennen:

„Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?“

„Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif?“

„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“

Offensichtlich hat der Junge Halluzinationen. Im Fieberwahn glaubt er im Nebel den Erlkönig zu sehen. Jetzt wird es dramatisch. Goethe verdeutlicht uns die Intensität der Krankheit des Jungen, indem er den Erlkönig selbst zu Wort kommen lässt. Und schon haben wir einen Gegenspieler:

„Du liebes Kind, komm‘, geh‘ mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand;
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Es folgt ein verzweifelter Kampf zwischen den beiden Hauptfiguren Vater und Sohn und dem Gegenspieler Erlkönig. Wie in jeder dramatischen Erzählung, treibt diese Auseinandersetzung auf einen Höhepunkt, eine Krise zu:

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt.“

„Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan!“

Es kommt zum finalen Showdown. Hauptfigur und Gegenspieler treffen aufeinander. Mit letzten Kräften versucht der Vater sein Kind zu retten. Vergebens.

Wir haben es also mit einer epischen Erzählung zu tun. Man könnte sogar sagen mit einer Kurzgeschichte. Einzig und allein die Reimform und das strenge rhythmische Schema verleihen dem Text eine emotionale Intensität, wie man sie in der Prosa kaum erreichen kann. Hinzu kommt, dass wir uns Reime wesentlich leichter merken als Prosatexte. Die Geschichte frisst sich quasi in unseren Kopf und lässt uns nicht mehr los.

Faust Ballade

Es kommt zum finalen Showdown. Hauptfigur und Gegenspieler treffen aufeinander. Mit letzten Kräften versucht der Vater sein Kind zu retten. Vergebens.

Wir haben es also mit einer epischen Erzählung zu tun. Man könnte sogar sagen mit einer Kurzgeschichte. Einzig und allein die Reimform und das strenge rhythmische Schema verleihen dem Text eine emotionale Intensität, wie man sie in der Prosa kaum erreichen kann. Hinzu kommt, dass wir uns Reime wesentlich leichter merken als Prosatexte. Die Geschichte frisst sich quasi in unseren Kopf und lässt uns nicht mehr los.

Balladen schreiben

Bist du dir über diese Punkte im Klaren, kannst du loslegen und deine ersten eigenen Balladen schreiben. Mach dir nicht so viele Gedanken über das Reimschema. Wähle die Form, mit der du dich am wohlsten fühlst. Wie du siehst, ist Goethe beim Erlkönig auch mit einem simplen Paarreim (AABB) eine erstklassige Ballade gelungen.

Versuche im Kopf so flexibel wie möglich zu bleiben. Es kann durchaus sein, dass deine Geschichte auf der Suche nach dem passenden Reimwort die eine oder andere überraschende und ungeplante Wendung nimmt. Das ist okay und sorgt sogar für jede Menge Spaß! Mitunter kann für den Anfang ein Reimlexikon nützlich sein.

Lies dir deinen Entwurf immer selbst laut vor. Nur so bekommst du ein Gefühl für den Klang deines Textes. Beachte, dass Vokale wie a, e, i schrill und o oder u eher düster klingen. Wenn du dich beim Vorlesen durch rhythmisches Klatschen begleitest, merkst du zudem sehr schnell, wo etwas nicht so recht im Fluss ist.

Der richtige Schauplatz steigert die Dramatik

Wenn du auf kleinem Raum viel und intensiv erzählen möchtest, musst du mit Bildern und Metaphern arbeiten. Hierfür bieten sich besonders Naturgewalten an. Auch die Wahl des Schauplatzes ist entscheidend. Nicht umsonst erlebte die Ballade ihren Höhepunkt in der Romantik. Hab Mut zur Übertreibung, zur Melodramatik und zum Kitsch. Mehr ist mehr. Du wirst schnell merken, wie befreiend diese Herangehensweise sein kann.

Wie du siehst ist das Schreiben einer Ballade eine perfekte Übung für das Entwickeln von Handlungssträngen. Die Kürze zwingt dich zur Konzentration auf das Wesentliche. Obendrein macht das Reimen Spaß. Es ist eine einzigartige Form des Erfolgserlebnisses. Und eine großartige Schule für mehr Gefühl im Text. Oder ist es etwa nur Zufall, dass wir fast alle in der Pubertät zur Feder gegriffen haben, um über unsere ersten Liebeserfahrungen zu dichten?

Hol dir ein Stück Jugend zurück und schreib eine Ballade.

Lust auf mehr?

Gern begleite ich dich persönlich auf dem Weg zu deinem eigenen Roman – entweder ganz individuell oder als dein persönlicher Schreibgefährte im Rahmen meines Online-Roman-Schreibkurses. Fordere einfach eine kostenlose Probeaufgabe an!

1 Step 1
keyboard_arrow_leftPrevious
Nextkeyboard_arrow_right

Geschrieben von Ronny Rindler





play_arrow skip_previous skip_next volume_down
playlist_play