Rachegötter

Aus der Zeitschrift „Phantastisch!“,
Verlag Achim Havemann Ausgabe 2/2011 (Nr. 42)

Der Anblick, der sich Morrison bot, war wirkungsvoller als sechs Tassen schwarzer Kaffee. Pedantisch polierte er seine Brillengläser, als glaubte er, das monströse Flugobjekt über der Metropolitan Opera dadurch wieder verschwinden lassen zu können.
„Wir haben eine Stunde.“ Thomson schnitt seinen Weg. Eine kleine, kurzhaarige Blondine folgte ihm. „Darf ich vorstellen? Kiri Kankan.“
Ihr zierlicher Körper ertrank in der Wucht ihres Opernkostüms. Morrison reichte ihr die Hand. Ihre Finger fühlten sich an wie kleine zerbrechliche Eiszapfen und verrieten die Angst, die Kiri hinter dem Blick eines Profis zu verbergen wusste. Aus dem Zuschauerraum hallte glasklarer klassischer Gesang.
„Ist sie das?“, fragte Morrison.
Kiri nickte. Er umschloss ihre Hände so fest er konnte, ohne das Gefühl zu haben sie zu zerquetschen. „Haben sie keine Angst. Seit Jahrhunderten fiebern wir diesem Tag entgegen. Sie werden in die Geschichte eingehen.“
„Was, wenn sie mich tötet?“
„Das wird sie nicht. Dort draußen steht die gesamte amerikanische Armee bereit. Sie sind unsere einzige Hoffnung. Sie hat nach ihnen verlangt.“
„Sie hat nach der Königin der Nacht verlangt, nicht nach mir.“
„Sie sind die Königin der Nacht.“ Morrison sah ihr tief in die Augen. „Und sie sind unsere einzige Hoffnung.“
„Nach all den verrückten Ideen und Antennen, die ihr Wissenschaftler auf diesen Planeten gepflanzt habt, glauben sie jetzt also, dass dieses Alien aufgetaucht ist, um die Hauptfigur einer Mozart-Oper kennenzulernen?“
Morrison schwieg.
„Woher sollen Außerirdische Mozart kennen?“
Thomson wühlte in seinen Hosentaschen, als hätte er darin seine Antwort versteckt. „Vielleicht haben sie Radiosignale aufgefangen.“
„Warum Mozart?“
Thomson zuckte mit den Achseln.
„Jetzt sagen sie bloß noch, er verfügte über geheimes Wissen einer Opernrasse, das er in seinen Werken verschlüsselt hat.“
So sehr Morrison auch eine schlüssige Antwort auf die berechtigten Einwände von Kiri gegeben hätte, er wusste sie nicht. Im Gegenteil, die Absurdität ihrer Fragen brachte seinen Kreislauf ins Schleudern. Unauffällig lehnte er sich gegen die Wand.
„Was, wenn ich es nicht tue?“
„Dann…“ Morisson atmete tief durch. „Dann werden unsere Leute das Feuer eröffnen.“
Kiri warf ihre Stirnlocke zurück und zog ihr Kleid zurecht. „Okay.“ Sie öffnete die Tür zur Unterbühne und blickte über ihre Schulter. „For the land of the free and the home of the brave.“ Dann verschwand sie in der Dunkelheit.
„Was glaubst Du, was uns erwartet?“
„Keine Ahnung“, antwortete Thomson und führte Morrison in den Saal.

Auf der Bühne stand die Außerirdische – eine hochattraktive, dunkelhäutige Frau. Ihr gazellenhafter Oberkörper war bis auf zwei mit Gold und Silber verzierte, kreisförmige Flammen, welche ihre Brust bedeckten, unbekleidet. Sie trug einen schwarzen Rock, der von einem ägyptisch wirkenden Metallgürtel gehalten wurde. Um ihren Hals war ein stählernes Collier gebunden und auf ihrem Kopf thronte eine funkelnde Krone, die einem aufgefächerten Pfauenschwanz glich. Zwei Reifen an ihren Oberarmen hielten eine schwarze Schleppe aus einem Stoff, der dick und doch durchsichtig war. Mit ihren kunstvoll umrandeten Augen wirkte sie in diesem Kostüm auf Morrison wie eine beeindruckende Mischung aus Bauchtänzerin und Sphinx.
Die kosmische Stille wurde von der Stimme des Dirigenten unterbrochen. „Meine Damen und Herren, Kiri Kankan – die Königin der Nacht!“ Der Raum verfinsterte sich, Nebel zischte aus den Gassen. Unter dem Donnern des Orchesters entwuchs die Königin dem Bühnenboden.

„Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen
Tod und Verzweiflung flammen um mich her
Fühlt nicht durch dich Sarastro Todesschmerzen
So bist du meine Tochter nimmermehr.“

Morrison krallte sich an der Lehne seines Vorderstuhles fest und wartete auf eine Reaktion. Der Schleier der Außerirdischen wehte, obwohl kein Windhauch zu spüren war. Geräuschlos schwebte sie auf Kiri zu. Kiris Brustkorb, der eben noch im Foyer hinter dem Bustier ihres Kostümes verschwunden war, bebte jetzt auffallend auf und ab. Die Außerirdische erhob ihre Arme. Plötzlich bewegten sich Dirigent und Musiker wie mechanische Druiden. Zur Musik des Hypnose-Orchsters, begann die Außerirdische zu singen:

„Triumph! Triumph!
Sie ist vollbracht, die Heldentat
Ihr seid befreit
Durch unseres Armes Tapferkeit.“

Während sie sang löste sich ihr Schleier und schwebte über ihren Kopf. Auf seinen dunklen Fasern erleuchtete ein heller Kranz. Sie griff danach, aus dem Lichtbild wurde eine feste, goldene Scheibe und der schwarze Schleier schwebte ins Nichts. „Ich bin gekommen, um dir, der Königin der Nacht, den heiligen Sonnenkreis zurückzubringen“, sang sie. „Herzliche Grüße an Alle! Wir kommen in Frieden!“ Und obwohl sie in nur einer Sprache sang, waren es dennoch fünfundfünfzig verschiedene zugleich.
Kaum hielt Kiri das Geschenk in den Händen schrumpfte die fremde Diva zu einer leuchtenden Mango zusammen und zischte, wie sie gekommen war, durch das Dach des Opernhauses zurück in ihr Raumschiff. Das Licht im Zuschauersaal wurde wieder hell.
„Heilige Scheiße!“ Thomson sprang auf und hielt sich die Hand an die Stirn, als hätte er Angst gehabt, im Fieber zu fantasieren. Der Sitzboden seines Stuhls klappte hoch und knallte gegen die Rücklehne. Irgendetwas war komisch an der Sache. Er konnte es förmlich riechen. War es der Sonnenkreis? Mit tausend Fragen im Kopf hechtete er die Stuhlreihe entlang und stolperte den abschüssigen Seitengang auf die Bühne zu. Thomson kam aus der Gasse gesprungen, reichte ihm die Hand und hob ihn über den Orchestergraben. Kiri stand wie angewurzelt im Zentrum der Bühne. Jegliche Farbe ihres Körpers schien in den schwindelerregenden Absätzen ihrer Schuhe zu verschwinden. Ihre Augen drehten sich nach hinten. Kurz darauf gaben ihre Lippen dem Druck ihrer überfüllten Lungen nach. Der freigelassene Atem ließ ihre Stimmbänder flattern und krächzte aus ihrer Kehle hervor. Morrison hatte keine Zeit für Gänsehaut und Mitleidsgesäusel. Er beugte sich über sie und griff nach der goldenen Scheibe. Dann sackte Kiri zusammen und klatschte auf den Bühnenboden.
„Ich fass es nicht.“
„Eine Schallplatte“, sagte Thomson.
„DIE Schallplatte.“
Kiri wälzte sich über den Boden und schnappte nach Luft.
„Welche?“
„Voyager!“
„Was?“
Morrison deutete auf die Zeichnung auf der Rückseite des Plattentellers. „Voyager. 1977. Die Raumsonden.“
Thomson rührte sich nicht. Morrison war sich nicht sicher, ob es der Schock oder Überforderung war.
„Sie sollten Erkenntnisse über das Sonnensystem sammeln…“
„…und weil man wusste, dass sie über die Grenzen der Milchstraße hinaus in das Weltall vordringen würden, hatte man beschlossen einen Datenträger an den Sonden zu befestigen, der alle wichtigen Informationen über die menschliche Rasse enthielt.“
„Bingo.“
„Und Mozart.“ Thomson fuhr sich mit seinen faltigen Fingern durchs Haar und klemmte eine schulterlange Strähne, die sein Gesicht verdeckte, hinters Ohr. „Ich wette die Arie der Königin der Nacht war ebenfalls auf diesem Ding.“
Langsam kam Kiri wieder zu sich.
„Wie viel Zeit haben wir noch?“, fragte Morrison ohne weiter auf Thomsons Vermutung einzugehen.
„Fünfundvierzig Minuten.“
Er klemmte sich die Schallplatte unter den Arm und rannte von der Bühne.
„Wo willst du hin?“, rief Thomson hinterher.
„Wohin wohl? In die Dechiffrierabteilung.“

Das iCap manövrierte sich von einer Luftstraße auf die andere und flog wie der Ball eines Flipperautomaten mit Maximalgeschwindigkeit durch die Absperrungen des Militärs Richtung NASA-Zentrale. Morrison betrachtete die drei weiteren Raumschiffe, die sich inzwischen am Firmament postiert hatten. „Die Sache gefällt mir nicht.“
„Sie haben gesagt sie kommen in Frieden“, antwortete Thomson.
„Zur Königin der Nacht.“
Das Vibrieren der Sitze und der klirrende Warnton kündeten den bevorstehenden Bremsvorgang an. Thomson stützte sich am Armaturenbrett ab. „Wäre es dir lieber gewesen, wenn sie einen Blumenstrauß mitgebracht hätten?“
Die Tür löste sich aus der Verankerung und klappte nach oben. Morrison schnallte sich ab und stieg aus. „Es ist offensichtlich, dass es sich hier um ein Missverständnis handelt. Keine gute Voraussetzung für einen Erstkontakt, wenn du mich fragst.“
Mit einem äußerst sportlichen Satz für sein Alter sprang Thomson zu Morrison auf das Förderband am Haupteingang. Die Zeit im Nacken sprinteten sie durch das Gebäude. „Diese Wesen sind wahrscheinlich Lichtjahre unterwegs gewesen. Ihre Technologie ist unserer weit überlegen. Wahrscheinlich wissen sie mehr über uns als…“
„Sie haben die Arie der Königin der Nacht für eine Botschaft gehalten und uns den ‚Sonnenkreis‘ zurückgebracht“, fiel Morrison ihm ins Wort.
Thomson kaute schweigend auf seiner Unterlippe herum.
„Und sie halten offensichtlich eine Opernfigur für die Vertreterin unseres Volkes.“ Morrison verlies das Förderband, bog in einen kleinen Gang, hechtete eine Treppe hoch und legte seinen rechten Zeigefinger auf den DNA-Scanner. Die Tür zur Dechiffrierabteilung öffnete sich. „Ich habe diese ganze Aktion mit den Golden Records schon damals auf der Akademie für die naivste Idee in der gesamten amerikanischen Raumfahrtgeschichte gehalten.“
Thomson folgte ihm in den Raum und fuhr den Rechner hoch. „Noch zwanzig Minuten“, sagte er.
Gewöhnt monoton begrüßte sie die Stimme der Decodierungsanlage: „Bitte definieren sie das zu lesende Objekt.“
„Schallplatte. Erde. Jahr 1977. Audiodaten. Analog.“ Dann legte Morrison die Platte mit den Rillen nach unten auf den Scanner und lies die Daten einlesen. Ein kurzes Piepsignal bestätigte den Abschluss der Datenanalyse. „Play.“
Aufmerksam lauschten Thomson und Morrison der Wiedergabe. Verwirrt klatschte Thomson mit seinen Händen auf die Oberschenkel. „Was ist das?“
„Nichts.“
„Wie nichts?“
Morrison legte seine Hand auf seine altmodische Armbanduhr, um das beklemmend laute Ticken seines Minutenzeigers zu verbergen. „Nur Rauschen“, sagte er. Die Zeit lief ihnen davon. In weniger als zwanzig Minuten erwartete das Verteidigungsministerium eine Einschätzung, die über Krieg und Frieden entscheiden sollte. Eine fehlerhafte Beurteilung der Lage konnte fatale Konsequenzen zur Folge haben.
„Wir müssen irgendetwas übersehen haben“, fluchte Morrison. Schnaufend vergrub er sein Gesicht in seiner Hand. „Vielleicht haben sie eine andere Codierung verwendet.“
Thomson schüttelte den Kopf. „Die Botschaft ist an uns gerichtet. Warum sollten sie ein anderes Format verwenden als auf dem Datenträger, den sie erhalten haben.“
Morrison grübelte. „Vielleicht kommunizieren sie über Rauschen?“
„Sie sind in die Metropolitan Opera gekommen, um mit Gesang zu kommunizieren. Warum sollten sie uns jetzt auf der Platte zurauschen?“ Thomson hob die Hände zu einer Geste der Ahnungslosigkeit und verschränkte sie vor seiner Brust. „Das passt einfach nicht ins Bild.“
„Das ist es!“
„Was?“
„Bilder! Auf den Schallplatten waren auch Bilder!“
Morrison wandte sich wieder dem Hauptrechner zu und modifizierte seine Angaben. „Schallplatte. Erde. 1977. Videodaten. Analog.“
Bereits nach wenigen Sekunden setzte die automatische Wiedergabe ein. Thomson stand vor dem Monitor und versuchte die Botschaft zu entschlüsseln. Er sah Sequenzen von bestialischen Kämpfen, fremdartigen, brennenden Städten und leblosen Körpern unbekannter Lebensformen. Am Ende der Präsentation folgte die Explosion eines bewohnten Planeten und die Kopie eines Dokumentes. Thomson gefror das Blut in den Adern, als er begriff, was darauf stand:

Notruf erhalten.
Herkunft: Planet Erde.
Operation ausgeführt.
Erden-Feind: Planet Sarastro – vernichtet.

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