Ein Orca zum Verlieben

Aus der Zeitschrift „7 Tage“,
Verlagsgruppe Klambt Speyerer, Mai 2013

Als Susanne mit ihrer Tochter im Urlaub einem gestrandeten Wal helfen will, begegnet sie Pedro. Die gemeinsame Rettungsaktion schweißt sie zusammen. Doch bald schon geht der Flieger nach Hause. Hat ihre Liebe eine Chance?

*

„Warum können wir nicht für immer hier bleiben, Mama?“

Der wehmütige Blick ihrer kleinen Jennifer brach Susanne das Herz. Wenn es nur so einfach wäre. Nur zu gerne würde sie mit ihrer Tochter auf Teneriffa bleiben. Aber wovon sollten sie leben? Der Urlaub hatte ihre letzten Ersparnisse aufgebraucht. Sie hasste sich jetzt schon für diese Dummheit. Aber Jennifer litt unter der Trennung von ihrem Vater schon genug. Susanne hatte ihr den Wunsch nach diesem Urlaub nicht abschlagen können.

„Mama, schau mal!“

In einigen Metern Entfernung brach Unruhe aus. Badegäste stürzten ins Wasser. Susanne spürte, wie sich ihr Puls beschleunigte. Sie traute ihren Augen nicht. War das möglich? Hier auf Teneriffa?

„Mama! Du musst ihm helfen!“

Eine Fontäne schoss in die Höhe. Jetzt wusste Susanne, dass es keine Einbildung war. Vor ihnen lag ein zwei Meter langer, gestrandeter Wal.

„Socorro! We need help!“, rief ein kräftiger Mann mit dunklem, gelockten Haar. Zusammen mit ein paar Badegästen versuchte er, den Wal zurück ins Meer zu schieben. Vergebens. Das Tier heulte auf. Susanne brach es fast das Herz.

„Muss er sterben?“, fragte Jennifer.

Susanne schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass sie keine Zeit zu verlieren hatte. „Wir brauchen Handtücher!“

Die Männer am Wal sahen sie verwundert an.

„Wir müssen ihn feucht halten!“

Der Braungelockte nickte und rief den anderen etwas auf Spanisch zu. Umgehend rannten sie zurück ans Ufer. Schon flog das erste Handtuch ins Wasser. Susanne tränkte es im kühlen Ozean und legte es auf die nackte Haut des Tieres. In Sekundenschnelle war der gesamte Rücken bedeckt. Der Wal stieß einen dankbaren Pfeifton aus.

„Haben Sie toll gemacht.“

Susanne wagte einen Blick in die nussbraunen Augen des Fremden. Eine warme Seele lächelte ihr daraus entgegen.

„Meine Mama ist Tierpflegerin“, rief Jennifer stolz. „Sie hat dem alten Elefanten in unserem Tierpark das Leben gerettet.“

„Dann ist sie Heldin.“

Erst jetzt bemerkte Susanne den leichten spanischen Akzent des Fremden. „Sie übertreibt“, erwiderte sie und stütze sich rasch am Wal ab. Denn Ihre Knie unter der Wasseroberfläche waren weich wie Treibsand. Dieser Mann sah umwerfend aus.

„Aber jetzt ist Mama arbeitslos.“

Susanne schluckte.

„Pedro!“, rief jemand vom Strand her. Der Fremde drehte sich um. Ein Blonder führte eine Gruppe gestählter Männer ans Meer. Pedro, schoss es Susanne durch den Kopf, der Name passt perfekt.

Im Nu war die Gruppe um den Wal versammelt. „Todo el mundo!“, rief Pedro. Doch egal wie sehr sie sich auch bemühten. Das Tier rührte sich nicht.

„Der Wal muss mithelfen“, rief Jennifer. „Du musst mit ihm reden Mama.“

Susanne seufzte. „Tiere können nicht reden, Jennifer.“

„Sind Sie sicher?“, zwinkerte Pedro Susanne zu. „Wir sollten probieren.“ Er ging in die Knie und nahm Jennifer auf seine Schultern. Sie jubelte. Der Wal quiekte. „Siehst du, er versteht dich“, sagte Pedro.

„Ja!“

Susanne lachte. Es war eine Ewigkeit her, dass sie ihre Tochter so glücklich gesehen hatte. Jennifer klatschte in die Hände. Susanne winkte ihr zu. Pedro zwinkerte zurück. Und Susanne war, als würde ein Schwarm aus Schmetterlingen durch ihren Körper flattern. Dann legte er seinen Finger auf seine Lippen. Unverzüglich war es still. „Mach ihm Mut!“, flüsterte Pedro. Jennifer schloss die Augen und faltete ihre Hände wie zum Gebet. „Lieber, lieber Wal. Schwimm zurück ins Meer. Bitte!“

Mit vereinten Kräften stemmten sich die Männer gegen den Koloss. Der Wal schnaubte, schlug mit der Schwanzflosse auf und wand sich hin und her.

„Nadar! Nadar!“, feuerte Pedro das Tier an und endlich, eine gewaltige Fontäne in den Himmel pustend, schwamm es ins Freie. Jubelgeschrei brach aus. Jennifer fiel Pedro von hinten um den Hals. Er strahlte. Fast wirkte es, als kannten sich die beiden schon eine Ewigkeit. Eine Glücksträne rann über Susannes Gesicht. „Das hast du toll gemacht, Jennifer!“

„Sie auch.“ Pedro deutete auf die vielen Handtücher, die der Wal im Meer zurückgelassen hatte. Beide lachten.

Doch Jennifer lies den Kopf hängen. „Jetzt ist er weg.“

„In Loro Park gibt es noch größere Wale“, sagte Pedro. „Vielleicht willst du sie dir mit deiner Mama ansehen?“ Dann sah er Susanne so tief in die Augen, dass es ihr den Atem raubte. „Ich lade euch ein.“

Nie zuvor war sie ihrer Tochter so dankbar für einen schrillen Freudenschrei. Bei dem Kloß, den sie im Hals hatte, währe eine Antwort nur peinlich geworden. So nickte sie einfach.

Doch bald schon, nachdem sie sich verabredet hatten, überkamen Susanne Zweifel. Was wenn sie sich in etwas verrannte? Keine Minute verging, in der ihre kleine Tochter nicht von dem starken und mutigen Pedro schwärmte. Aber auch wenn sie beide den Tag im Loro Park sehnsüchtig herbeisehnten, schon bald würden sie wieder im Flugzeug nach Deutschland sitzen. Wie sollte sie dann die Kraft aufbringen, ihre Tochter zu trösten? Das konnte sie ihr nicht ein zweites Mal antun. Zu tief war die Wunde, die ihr Vater hinterlassen hatte. Und der Gedanke daran, ohne Pedro zurückzukehren, brach Susanne ja selbst das Herz.

So wuchs mit jedem Tag auch die unerträgliche Angst vor der Enttäuschung. Susanne fühlte sich wie ein Vulkan der Trauer. Tief in ihr brodelte es. Jeder Gedanke an Pedro brachte das Feuer noch mehr in Wallung. Nur ein kleiner Stich ins Herz und die Verzweiflung würde aus ihr herausbrechen wie tödliche Lava.

Am großen Tag warteten sie vergebens an der Kasse des Loro Parks auf Pedro. Lediglich eine Mitarbeiterin eilte auf sie zu und drückte ihnen einen Briefumschlag in die Hand. Zwei Eintrittskarten und ein Zettel befanden sich darin. „Viel Spaß bei der Orca-Show! Pedro“, stand darauf.

„Wo ist Pedro?“, fragte Jennifer aufgeregt.

Susanne biss sich auf die Zunge. Jetzt nur nicht weinen. „Er kommt nicht.“ Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Wie konnte sie nur so dumm sein. Er hatte nie davon gesprochen, den Tag mit ihnen gemeinsam zu verbringen. Es ging um Karten für die Show, mehr nicht.

Jennifer umklammerte sie. „Nicht so schlimm.“

Wütend darüber, dass sie die Trauer vor ihrer Tochter nicht verbergen konnte, schnäuzte sie ins Taschentuch und ging mit ihr in die Showarena. Aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass die Orcas sie beide überhaupt nicht mehr interessierten. Wie zwei nasse Säcke saßen sie in der ersten Reihe, zwischen überdrehten und aufgeregten Touristen. Fotokameras blitzten, als der Eröffnungsfilm auf der Videowand begann. Susanne kämpfte. Aber die Tränen in ihren Augen stauten sich wie der See einer gigantischen Talsperre. Lange würde sie nicht mehr standhalten können.

Eine Fanfare ertönte. Das Publikum jubeltef. Ein imposanter schwarz-weiß gefleckter Riese schoss in das Showbecken. Die Arena tobte. Wie von der Tarantel geschossen sprang Jennifer in die Höhe und quiekte. „Pedro!“

Susanne traute ihren Augen nicht. In einem schwarzen Neoprenanzug surfte er auf dem Rücken des Tieres durch das Becken. Susanne schrie vor Begeisterung.

Überglücklich sank die kleine Jennifer am Ende der Show ihrer Mutter in die Arme. Und als sich die Arena kurz darauf fast geleert hatte, sah Susanne, dass jemand am Ausgang auf sie wartete. Pedro. Ihr schlug das Herz bis zum Hals.

„Hat es gefallen?“, fragte er.

„Ja!“, jubelte Jennifer. „Wir müssen noch viel öfter hierher gehen, Mama.“

Susanne erstarrte. „Das geht leider nicht.“

„Aber warum?“

Bitte weine jetzt nicht Jennifer, dachte sie. „Wir müssen übermorgen wieder nach Hause.“

„Darüber wollte ich gerade mit euch reden“, sagte Pedro. Ein weiterer Mann gesellte sich zu ihnen. Er kam Susanne bekannt vor. War er nicht der Blonde, welcher die anderen Männer an den Strand geholt hatte?

„Das ist Carlo. Er war sehr beeindruckt von deiner Hilfe.“

Susanne wurde nervös. Carlo lächelte und reichte ihr die Hand.

„Er möchte dich fragen, ob du bei uns arbeiten willst. Wir suchen eine Tierpflegerin.“

Susanne griff sich an die Brust, aus Angst, dass ihr Herz stehen bleiben könnte. Im Gegenteil, es tanzte vor Freude. „Ja. Aber natürlich. Gern. Ja!“

„Dann – Bienvenida in Loro Parque“, sagte Carlo.

„Willkommen“, sagte Pedro, öffnete seine Arme und Susanne versank darin wie ein Fels in der Brandung.

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